„DE HAMBORGER VEERMASTER“ 

 

Ein Protestsong und Deutschlands späte Liebe zur Seefahrt

Hamburger Frachtsegler von Johannes Holst aus Altenwerder, dem bedeutenden „Maler der See“

Den „Veermaster“ habe ich zum ersten Mal als Schüler im Musikunterricht gesungen, gleich als Vorsänger, weil ich früh mit dem Stimmbruch durch war und platt konnte. Danach habe ich ihn noch oft gesungen, bei den Pfadfindern, bei der Bundeswehr und bei vielen norddeutschen Festen in fröhlicher Runde. 
 
Über den Inhalt hatte ich mir eigentlich nie große Gedanken gemacht, der Text war irgendwie lustig und die Melodie machte Spaß. Sehr viel später erst, als Sänger in einem Shanty-Chor, hörte ich genauer hin und fragte mich: Warum wurde gerade ein Lied über einen Hamburger Frachtsegler mit vergammeltem Proviant, einer Kombüse voller Läuse und einem Kaptein mit schiefen Beinen zum Kultsong? 
 
Warum wurde ein plattdeutsches Shanty mit einer kalifornischen Melodie und einem Goldgräber-Refrain aus Sacramento zum deutschen Publikumshit? Warum fehlt der „Veermaster“ in keiner TV-Sendung und bei keinem Musikfestival mit Seemanns- und Hafenliedern? Warum sind über einen Segler „vull Schiet un vull Smeer“ weit über 200 Schallplatten und CDs erschienen und warum wird dieser Song noch immer tausendfach im Internet abgerufen? 
 
Als ich mich auf die Suche nach Deutschlands bekanntestem Viermaster machte, wusste ich noch nicht, dass ich tief in die deutsche Seefahrtsgeschichte eintauchen würde. Ich ahnte nicht, dass dieser Song zu einer Zeit entstand, als deutsche Segler zuerst Vogelschiet (Guano) und dann Salpeter aus Peru und Chile holten. Der Salpeterhandel machte Hamburg reich und revolutionierte die deutsche Landwirtschaft, die dringend höhere Erträge durch Kunstdünger benötigte, um die rasch wachsende Bevölkerung ernähren zu können. 
 
Immer besser und schneller waren die deutschen Drei- und Viermaster geworden, die Hamburg zum bedeutendsten Segelschiffhafen Europas machten. Unter deutscher Flagge fuhren die robustesten Viermastrahsegler mit den fähigsten Kapitänen und den härtesten Mannschaften um Kap Hoorn, stellten immer neue Geschwindigkeitsrekorde auf und waren auf der Langstrecke den englischen Dampfern weit überlegen. Um 1900 ließ die Hamburger Reederei Laeiz einige der weltgrößten, schnellsten und erfolgreichsten Segler bauen: Die Flying-P-Liner! Hunderte Mal überwanden diese besten Viermaster der Welt die Hölle von Kap Hoorn, ohne dass ein Schiff verloren ging. 
 
Doch auf dem Höhepunkt dieser Erfolge deutscher Großsegler, ihrer Reeder, Kapitäne und Besatzungen wuchs bei vielen Matrosen die Unzufriedenheit über die Zustände an Bord der Segler. Monatelang fuhren sie bei glühender Hitze oder eisiger Kälte, bei totaler Flaute oder schwerem Sturm und mussten bei jedem Wetter in die Wanten und auf die Rahen. Am meisten litten die Seeleute jedoch unter Mangelernährung. Ihr ungenießbarer Proviant bestand aus verschimmeltem Salzfleisch, Speck voller Maden und altem Zwieback. 
 
In den verräucherten Hamburger Seemannskneipen, wo die Matrosen unter sich waren, ließen die Seeleute dann ihren lang aufgestauten Frust und ihre Wut raus. Und dort entstand dann auch „De Hamborger Veermaster“ und zwar als Protestlied! 
 
Als der Song bekannt wurde, traf er bei Kapitänen und Schiffsoffizieren auf totale Ablehnung, sie wollten das Lied sogar verbieten. Die Erzählung von einem schiefbeinigen Kaptein, der auf einer Viermastbark „dree (Knoten) vörut und veer werrer retur“ segelte und ein total verdrecktes Schiff kommandierte, war für sie so abwegig und realitätsfremd, dass sie den Text als ehrverletzend und schwere Kränkung empfanden. 
 
An Bord sangen die Matrosen den Veermaster dann nur noch während der Freiwache und als Shanty am Gangspill, wenn sie den Anker aufholten, bis Winden die Muskelkraft ersetzten. 
Als später immer mehr Dampfer die alten Segler verdrängten und sich die Verhältnisse auf den Schiffen verbesserten, verlor die Kritik an Härte. Je weiter sich der Protestsong von Hamburg entfernte, desto unbeschwerter und fröhlicher klang er. 
 

Der „Hamborger Veermaster“ geriet in Vergessenheit!
 
Wie dann doch noch aus dem einstigen Protestsong Hamburger Matrosen das bekannteste deutsche Seemannslied wurde, ist eine mitreißende und spannende Geschichte.
Sie handelt von Seglern und Dampfern, von großen Höhenflügen, tiefen Abstürzen und mühsamem Wiederaufbau. Sie erzählt von Kapitänen, Matrosen, Reedern, Schiffbauern und einem Lotsenchor.
 
Mit Freude und Leidenschaft schreibe ich jetzt ein Buch über die fesselnde und oft auch dramatische Geschichte vom „Hamborger Veermaster“.
Dabei geht es jedoch vielmehr als um ein Lied:
Das Buch handelt von der späten Liebe der Deutschen zur Seefahrt.
 
2027 dürfte das Buch mit vielen Bildern und Fotos vorliegen, 


Am 7. September 2020 kehrte die „Peking“ in ihren Heimathafen zurück.

Die „Peking“ war 1911 bei Blohm & Voss vom Stapel gelaufen, machte 17 Mal die 11.000 Seemeilen lange Reise nach Chile und umsegelte dabei 34 Mal Kap Hoorn. Sie überlebte schwerste Stürme, Weltwirtschaftskrisen, Seeblockaden und zwei Weltkriege. 1932 als stationäres Schulschiff nach England verkauft, wurde sie 1974 als Museumsschiff und Touristenattraktion nach New York geschleppt, wo sie langsam verrottete. 2013 wäre sie beinahe in der Schrottpresse gelandet; doch dann rettete die „Stiftung Hamburg Maritim“ mit staatlicher und privater finanzieller Unterstützung die „Peking“. Drei Jahre wurde der Viermaster aufwändig restauriert, bis ihn Schlepper in neuem Glanz nach Hamburg brachten. 

 

Heute steht die „Peking“ nicht nur für Hamburgs große Zeit als Segelschiffhafen, sie ist auch ein prägendes Symbol der deutschen Seeschifffahrt und ein maritimes Wahrzeichen mit weltweiter Bedeutung.